BIM im Bestand: Was ein Bestandsmodell können muss – und was nicht
Im Neubau ist BIM längst Alltag. Im Bestand ist es oft noch ein Versprechen. Der Grund ist einfach: Ein Bestandsmodell bildet nicht ab, was geplant wurde, sondern was da ist – und das weiß am Anfang niemand genau.
Vom Scan zum Modell
Der übliche Weg beginnt mit einem terrestrischen Laserscan, ergänzt durch Drohnenbefliegung für Untersichten und schwer zugängliche Bereiche. Das Ergebnis ist eine Punktwolke mit Millionen Punkten – genau, aber dumm. Sie kennt keine Bauteile, keine Materialien, keine Bewehrung. Die eigentliche Arbeit ist die Modellierung: Aus Punkten werden Objekte mit Attributen.
Genau hier beginnt die Frage nach dem Detaillierungsgrad. Ein Modell, das jede Abplatzung als Geometrie abbildet, ist teuer, groß und in zwei Jahren veraltet. Ein Modell, das nur Grobgeometrie kennt, hilft dem Prüfer wenig.
Was das Modell aus Sicht der Statik braucht
- Tragende Bauteile als eigenständige Objekte mit Materialklasse, Herstellungsjahr und Verweis auf Bestandsunterlagen.
- Bewehrung als Information, nicht als Geometrie. Ein Verweis auf den Bewehrungsplan und die gemessene Betondeckung reicht; jede Stabgeometrie zu modellieren, ist Verschwendung.
- Schäden als verortete Attribute – idealerweise mit Verknüpfung zur Schadensnummer aus der Bauwerksprüfung. So wird das Modell zur Fortschreibung des Prüfberichts.
- Untersuchungsergebnisse (Chloridprofile, Bohrkerne, Potentialfelder) als Messpunkte mit Datum, nicht als Fließtext im Anhang.
IFC als gemeinsamer Nenner
Für den Austausch zwischen Bauherr, Prüfer und Planer hat sich das offene Format IFC bewährt. Mit IFC 4.3 gibt es endlich Klassen für Brücken und Infrastruktur, sodass ein Überbau nicht mehr als „Geschossdecke“ verkleidet werden muss. Voraussetzung ist, dass alle Beteiligten vorab festlegen, welche Attribute gepflegt werden – sonst tauscht man Geometrie ohne Bedeutung.
Was BIM im Bestand nicht ist
Ein Bestandsmodell ersetzt weder die Bauwerksprüfung noch die Bauwerksuntersuchung. Es macht deren Ergebnisse verfügbar, verortet und vergleichbar. Und es ersetzt auch keine Statik: Die Nachrechnung lebt von Annahmen, die im Modell hinterlegt, aber nicht daraus abgeleitet werden können.
Fazit
Weniger ist mehr. Ein schlankes Modell, das konsequent gepflegt wird, ist wertvoller als ein perfektes, das nach der Übergabe niemand mehr anfasst. Der beste Test für ein Bestandsmodell ist die nächste Hauptprüfung: Wenn der Prüfer damit arbeitet, war es richtig aufgebaut.